Eigentlich sind meine bisher erschienenen Romane ja Sommerbücher ...

Für eine Adventslesung habe ich eine Szene aus „Das Bildnis der Fortuna“ aber passend für den Winter umgeschrieben. Anbei also eine Weihnachts-Leseprobe aus einem sonst sehr sonnigen Roman! :-)


Was für ein wunderbarer Wintertag!, dachte Marie und sog die Atmosphäre dankbar auf.

Die Luft war klar und die Eiskristalle auf der Schneedecke glitzerten in der Sonne.

Auf einem mickrigen Abhang wurden Kinder nicht müde, jauchzend mit ihren Bobs hinunterzurutschen, und auf den Wegen spazierten Leute, denen die Atemwölkchen aus dem Mund traten, während sie schwer bepackt mit Weihnachtseinkäufen nach Hause eilten.

Man hörte fröhliches Geschrei vom Spielplatz herüber, wo einige Jugendliche eine Schneeballschlacht machten.

Maries Blick blieb an einer Halbwüchsigen hängen, die dick eingemummt auf Parkbank in der Sonne saß und las. Sie war sofort fasziniert von diesem Anblick, weil der Teenager offensichtlich vollkommen in seiner Lektüre versank und die Winter-Weihnachtswelt um sich herum total ausblendete. Selbstvergessen hatte sie die Stirn gerunzelt und kaute auf ihrer Lippe, sodass ein sehr aufregender, mitreißender Schmöker zu vermuten war. Eine ganze Weile beobachtete Marie das Mienenspiel des Mädchens. Es war komplett schwarz gekleidet, hatte die kinnlangen Haare gefärbt wie ein Rabe und die Augen dunkel geschminkt. Inmitten der weißen Pracht sah sie aus wie das Kohlestück, das den Nabel symbolisierend im Bauch des Schneemanns steckte, der in Maries Nähe stand.

Ich wusste gar nicht, dass es heute noch Gruftis unter den Teenagern gibt, dachte Marie amüsiert. War das nicht ein Phänomen meiner Zeit?

Sie fand den optischen Kontrast, den diese gänzlich düstere Aufmachung zur Lesefreude der Jugendlichen bildete, schlichtweg entzückend.

Als die Lesende plötzlich wohl aufgrund einer unerwarteten Wendung im Roman begeistert auflachte, zögerte Marie keine Sekunde und riss ihre Kamera aus der Tasche. Es war ihr vollkommen egal, ob sie die Einwilligung der Minderjährigen beziehungsweise deren Eltern hatte oder nicht - sie musste das Naturschauspiel auf diesem jungen Gesicht jetzt einfangen!

Sie schoss Dutzende Fotos und hielt fest, wie sich die Züge des Mädchens beim Lesen immer wieder veränderten. Die offensichtliche Begeisterung für das Buch war ganz klar erkennbar. Marie wechselte auch ein paar Mal ihre Position, um das optimale Bild von dieser gedankenverlorenen, beglückenden Tätigkeit aufnehmen zu können. Irgendwann hatte sie sich so nah heran bewegt, dass sie von der Leserin einfach bemerkt werden musste.

Das Mädchen ließ die Lektüre sinken und starrte sie erschrocken an. In Sekundenschnelle war der Vorhang gefallen und es zog sich hinter einer verschlossenen Fassade zurück, die besser zu dem schwarzen Outfit zu passen schien als die eben gezeigte Seligkeit beim Lesen.

„Entschuldige, wenn ich dich störe! Bitte sei nicht böse, dass ich dich fotografiert habe. Ich weiß, ich hätte dich um Erlaubnis bitten sollen, doch du warst so wunderbar vertieft in dein Buch. Was liest du denn?“, fragte Marie freundlich.

„Harry Potter“, war die Antwort. „Wofür sind die Fotos?“

„Ich mache eine Ausstellung mit Bildern von Menschen, die gerade so richtig tiefe, gute Gefühle empfinden. Aber keine Angst, ich zeige die Aufnahmen natürlich niemandem, falls du und deine Eltern nicht einwilligt!“, beteuerte Marie schnell. „Möchtest du sie sehen?“

„Okay. Meine Eltern müssen Sie nicht fragen, die sind mit allem einverstanden! Und mir ist’s auch egal, solang ich halt nicht allzu emo-mäßig ausschau’!“

„Hier, wenn du da drückst, kannst du weiterblättern.“ Marie kam noch näher und übergab dem Mädchen die Kamera. „Ich heiße Marie. Bitte sag doch ,du’ zu mir!“

„Lu“, stellte sich der Teenager vor. „Also, auf ein paar Fotos schau’ ich schon aus wie ein Spast!“

„Aber geh! Sieh nur, wie hübsch du da bist! Du hast so tolle blaue Augen!“

„Das sagt mein Papa auch immer. Wo und wann wird die Ausstellung denn sein? Vielleicht komm‘ ich hin.“ Lu verstaute das Buch in ihrem schwarzen Rucksack.

„Ich habe noch keine Ahnung. Weißt du, ich beginne erst, diese Art von Bildern zu sammeln. Genau genommen bist du die Zweite, von der mir passende Aufnahmen geglückt sind.“

„Und die anderen haben ganz z’wider dreingeschaut, oder wie?“

„Na ja, also vielleicht nicht gerade ,z’wider’. Bei der Freundin meines Bruders habe ich zum Beispiel einfach nicht den richtigen Moment erwischt. Gehen wir da hinüber? Da stehen meine Sachen - nicht dass mir einer etwas stiehlt!“

Lu griff nach ihrer Tasche und folgte Marie mit auf dem Schnee knirschenden Schritten. „Und bei mir vorher war’s der richtige Moment?“

„Ja, ich glaube schon! Du liest gern, oder?“

„Ich liebe es!“

Sie unterhielten sich übers Fotografieren, über Bücher, die Schule und die bald beginnenden Weihnachtsferien. Marie fand Lu in ihrer offenen Art sehr sympathisch. Ihr gefiel, wie die noch immer stark präsente kindliche Unschuld im Konflikt mit dem abgeklärten Gehabe eines Teenagers stand. Allein optisch offenbarte sich dieser Gegensatz ganz deutlich: Einerseits war Lus Gesicht mit ihren großen Augen, runden Wangen und der kleinen Stupsnase nach wie vor ziemlich vom Kindchenschema geprägt, andererseits versuchte sie, dieser Lieblichkeit durch ihre düstere Aufmachung mit Gewalt entgegenzuwirken.

Marie konnte nicht aufhören, sie sich mit blonden Zöpfen und rosa Hello-Kitty-Anorak vorzustellen. „Wie alt bist du?“, fragte sie deshalb irgendwann.

„Ich hatte gerade meinen dreizehnten Geburtstag.“

„Und ,Lu’ ist dein richtiger Name?“

„Nein, so nennen mich nur meine Freunde. Eigentlich heiß’ ich Luisa.“

„Sehr schön!“

„Mein Papa sagt immer ,Lula’ zu mir, weil ich mich als kleines Kind so genannt hab’. Das ist so was von peinlich!“ Sie verdrehte theatralisch die Augen.

Marie wollte beinahe antworten, dass sie selbst unwesentlich älter gewesen war, als sie ihren Vater verloren hatte, ließ es dann jedoch bleiben und lachte stattdessen, denn hier einen auf moralisch zu machen, entsprach ihr nun wirklich nicht. Lu hatte in diesem Alter ja schließlich jedes Recht darauf, sich von ihren Eltern genervt zu fühlen.

Marie sah aufs Handy, um zu entdecken, dass es bereits ziemlich spät war. „Nun sollte ich langsam los! Jetzt haben wir uns aber gründlich vertratscht! Ich muss mir heute noch ein Zimmer suchen!“

Lus Blick wanderte über Maries im Schnee stehendes Gepäck. „Bist du neu in der Stadt?“

„Ja, gewissermaßen. Bis ich eine Wohnung finde, gehe ich ins Hotel. Ich fange am Montag als Kellnerin im Dorfer an.“

„Ah, da war ich schon öfter mit meinem Papa.“ Sie schaute noch einmal die Taschen an, musterte dann Marie und schien zu überlegen. „Warum übernachtest du nicht bei mir, bis du eine Bleibe hast?“

Marie stutzte. „Du kennst mich doch überhaupt nicht! Da werden sich deine Eltern schön bedanken, wenn du einfach Personen aus dem Stadtpark aufgabelst und mit nach Hause schleppst!“

„Ach, bei mir schläft andauernd irgendwer“, antwortete Lu lässig. „Ich leb’ mit meinem Vater in einer großen Wohnung mit einigen leeren Zimmern. Wir sind so etwas wie eine WG, weißt du? Er bringt Leute zum Übernachten mit und ich ebenso. Ist also wirklich kein Problem! Ich find’ dich cool und würd’ mich freuen, wenn du mitkommst! Dann kann ich dir mein Meerschweinchen zeigen!“

WG? Vater, der Übernachtungsbesuch mitbringt? Meerschweinchen? In Maries Kopf überschlugen sich die Gedanken. Konnte es sein, dass sie gerade ganz zufällig einen höchst unkomplizierten Platz zum Schlafen gefunden hatte - so wie ihr heute alles andere auch zugeflogen war wie eine im Wind tanzende Schneeflocke?

Doch Halt! Das hier ist doch mehr als halbseiden! Was können das für Leute sein? Ist das eine Art Hippie-Kommune? Oder ein Kind inmitten einer väterlichen Lasterhöhle? Oder einfach ein Bed&Breakfast?

Unweit spazierte ein kleiner Bub vorbei, der seinen Schlitten hinter sich herzog, unablässig „Advent, Advent, der Christbaum brennt“, skandierte und Marie damit aus ihren Gedanken riss.

„Wo ist deine Mutter, Lu?“, formulierte sie die erste Frage, die ihr einfiel, um ein wenig Ordnung in das Durcheinander in ihrem Kopf zu bringen. Sie stand Chaos ja durchaus nicht abgeneigt gegenüber, aber wenn dieses junge Mädchen involviert war, konnte sie es nicht verantworten, Unüberlegtes zu tun.

„Meine Mama ist mit ihrem Freund in Südamerika.“

Vielleicht doch Hippies? „Okay. Und was wird dein Vater sagen, wenn du eine fremde Frau mitbringst?“

„Nichts!“, behauptete Lu und zuckte die Schultern, als könne sie gar nicht verstehen, warum Marie überhaupt Bedenken äußerte. Sie sah sie abwartend an und zog dabei den Reißverschluss am Kragen ihres schwarzen Anoraks ein paar Mal auf und zu.

„Bist du dir da völlig sicher? Weißt du, Erwachsene mögen es normalerweise nicht so gern, wenn bei ihnen einfach irgendwer übernachtet, den sie nicht einmal kennen“, bohrte Marie nach.

„Entspann dich, mein Vater ist cool drauf“, versuchte Lu sie zu beruhigen und klang dabei wie ein Mafia-Boss in einem Hollywoodstreifen. „Er freut sich, dass ich jemand Netten getroffen hab’!“

Marie runzelte skeptisch die Stirn. Das schien ja in jedem Fall eine Familie mit ziemlich lockeren Sitten zu sein. Lu war ein schrecklich goldiger Teenager, und die Aussicht auf einen Gratisunterschlupf für die Nacht war überaus verlockend, aber sie fragte sich ernsthaft, ob es eine gute Idee sei, das Angebot anzunehmen.

„Ich hab’ dir ja gesagt, dass bei uns Zimmer leer stehen. Du kannst in einem schlafen - alles ganz easy“, bekräftigte Lu ein weiteres Mal ihre Einladung, und schulterte ihren Rucksack. Sie zeigte absolut keine Anzeichen von Bedenken. „Gehen wir! Es ist nicht weit!“

Deko im Hause Breidenbach

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Unser Adventskranz 2013